Header

Val Mucilaginosa

Val Mucilaginosa ist eine Mixed-Reality-Installation an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Heilung. Sie erforscht – und macht sinnlich erfahrbar – die Beziehung zwischen biochemischen Formen des Heilwissens und relationalen, pflanzenbasierten Ansätzen des Heilens.
Flyer zur Installation (PDF, 3 MB)

Val Mucilaginosa verbindet Wissen von Heilpflanzenpraktiker:innen und Wissenschaftler:innen, ethnobotanische und biochemische Forschung, sensorische Medien sowie künstlerische Spekulation zu einer immersiven Erfahrung. Anstatt Wissen als eine Reihe von Schlussfolgerungen oder Erklärungen zu präsentieren, inszeniert die Installation das Heilen mit Pflanzen als einen relationalen, situierten und verkörperten Prozess, der kontinuierlich zwischen unterschiedlichen Formen des Wissens ausgehandelt wird. Im Zentrum von Val Mucilaginosa steht die Frage, wie Heilwissen entstehen kann, wenn wissenschaftliche Forschung, traditionelle Pflanzenpraktiken und künstlerische Forschung einander begegnen dürfen, ohne dass ein Wissenssystem dem anderen untergeordnet wird.

Die MR-Installation als Wissensraum

Das Design begann mit Gesprächen mit Heilpflanzenpraktiker:innen, Phytotherapeut:innen, Ethnobotaniker:innen, Biochemiker:innen, medizinischen Forschenden in der Schweiz und der Künstlerin Isabell Bullerschen. Diese Gespräche wurden zu lebendigen Begegnungen, die die konzeptuelle und ästhetische Entwicklung der Installation prägten. Die Heilpraktiker:innen beschrieben Pflanzen als relationale Wesen – als Entitäten, die auf Ort, Jahreszeit, Fürsorge und Aufmerksamkeit reagieren. Wissenschaftler:innen beschrieben Pflanzen über molekulare Strukturen, metabolische Prozesse und biochemische Signalwege. Anstatt diese Perspektiven zu einem einzigen Erklärungsmodell aufzulösen, stellt die Installation sie nebeneinander und liess ihre Spannungen, Überschneidungen und Widersprüche produktiv bestehen.

Isabell Bullerschen: «Viele der Gesprächspartner:innen betonten, dass Wissen nicht allein durch verbale Erklärung entsteht. Heilpflanzenpraktiker:innen beschrieben Lernen als einen Prozess jahrelanger Beobachtung, körperlicher Einstimmung, ritueller Praxis und täglicher Pflege von Pflanzen. Auch Wissenschaftler:innen sprachen von Intuition, Neugier und ästhetischem Urteilsvermögen als Teil ihrer Laborarbeit – selbst innerhalb hoch standardisierter Methoden. Diese Einsichten führten zur Entscheidung, eine MR-Installation zu entwickeln, die Erfahrung gegenüber Instruktion und Ko-Präsenz gegenüber didaktischer Vermittlung privilegiert.»

Die physische und virtuelle Architektur von Val Mucilaginosa macht eine epistemische Pluralität sinnlich erfahrbar. Im physischen Raum repräsentieren zwei skulpturale Strukturen unterschiedliche, zugleich jedoch miteinander verbundene Wissenssysteme. Die eine Skulptur verweist auf rationale Phytotherapie und Biochemie: metallische Strukturen, Glaskugeln und dreidimensionale Bilder von zellulären Strukturen evozieren Laborumgebungen und molekulare Visualisierungen. Die andere Skulptur greift relationale und spirituelle Dimensionen des Heilens auf: Gefässe aus Kupfer, organische Formen, rituelle Elemente sowie sensorische Reize wie Duft und Klang. Ein VR-Headset reagiert auf die Position der Besuchenden im Raum. Je nachdem, welcher Skulptur sich die Teilnehmenden annähern, verändert sich die virtuelle Umgebung.

Multisensorische Fabulation

In der MR finden sich die Rezipierenden in zwei Wissenssystemen wieder: Aetheris und Soma.
Aetheris ist die Welt des beziehungsbasierten Heilwissens – Heilkraft von Pflanzen auf der Basis von Beziehung. Ein animiertes Gewebe aus Licht, Rauch und Schwingung, das sich unsichtbar zwischen allem Seienden spannt. An Seilen aufgehängte Flechten tragen emaillierte Kupferschalen mit Räucherwerk, Bergkristallen aus dem Uri und ätherischem Öl auf Wasser; aus einer Stahlschale mit Spiegelwasser steigt ein Neon in Helix-Form zur untersten Flechte auf. Aetheris steht für das, was sich der Messung entzieht. Es ist die Welt des zirkulären, analogen Denkens in Entsprechungen, der Signaturenlehre, und der Pflanzenkraft, die zwischen Heilerin, Pflanze und Mensch in der Beziehung selbst entsteht. Es beruht auf der Annahme, alles Seiende stehe in einer Verbindung zueinander.
Soma ist die Welt der rationalen Phytotherapie. Die Welt, in der Information zu Materie wird. Ein 3D-gedruckter Sockel aus drei Ribosomen einer Nostoc-Zelle trägt einen Borosilikat-Glaskolben mit Glas-Helix, in dem ein Edelgasgemisch aus Krypton, Argon und Quecksilber unter Spannung leuchtet; rundherum ein Edelstahl-Rohrgestell, durchzogen von feinen Silikonschläuchen. Auf der virtuellen Ebene bewegen wir uns in Cryo-Elektronen-Tomographie-Daten von Zellbestandteilen aus Heilorganismen: Rubisco, Phycobilisomes, Thylakoid-Membranen, Stärkegranula und Ribosomen. Soma steht für die Sprache, die alles Lebendige teilt: Biochemie als materielles Beweisstück der Ko-Evolution, in der Pflanze und Mensch demselben molekularen Baukasten entstammen.

Nachdem die Rezipierenden Zeit hatten, sich umzuschauen, beginnen auf jeder Seite Partikel zu erscheinen und körperlose Stimmen zu sprechen. Diese Stimmen – vielleicht eine Heilerin und eine Biochemikerin oder Ethnopharmakologin – aktivieren die Rezipierenden. Mit den Händen lassen sich die Partikel bewegen; die Rezipierenden werden aufgefordert, die Träger der Heilinformation, auf Aetheris-Seite ephemer, immateriell Feuer, Rauch, Wasser, Schwingung, auf Soma-Seite Moleküle, zu den Skulpturen hinzuführen.

Durch diese Interaktion erwecken die Rezipierenden die Wirkstoffe selbst: die Heilgeistentitäten beider Welten. Wenn genügend Partikel und Moleküle zusammengeführt sind, erscheinen Aether Stomata in Aetheris und Nectar Xylan in Soma. Beide sind Hüter*innen: Jeweils eine relationale beziehungsweise biochemische Intelligenz, die das Wissen um die Wirkung bewahrt und zugänglich macht. Die Wirkung wird so nicht passiv empfangen, sondern entsteht durch die Begegnung selbst: Heilung ergibt sich aus der Beziehung.

Jedoch erst durch die Kombination beider Wissenssysteme – also durch das Treffen von Aether Stomata und Nectar Xylan – erfährt man das Geheimnis von Viriditas. Wirkung passiert in beiden Welten durch das Bewegen der Heilinformation; doch Viriditas ist der Punkt, an dem diese Wirkung als Wissen lesbar wird. Das Wandern zwischen den Welten wird zur Heilpraxis.

Viriditas ist „where knowledge meets”. Der Begriff stammt von Hildegard von Bingen: die Grünkraft, die alles Geschaffene durchströmt, Metapher für spirituelle und physische Gesundheit, Grundlage aller Heilung. Viriditas ist vor-cartesianisch. Sie ist Geist und Materie zugleich, nicht ihre nachträgliche Synthese, sondern der Ort, an dem beide schon immer gemeint waren.

Die Rezipierenden begegnen dort Hydra Plasmodesma – die dritte und finale Heilgeistentität, eine interdependent intelligence. Hydra erweckt die Erinnerung an die geteilte Vergangenheit – den Grund, warum Phytotherapie funktioniert: die geteilte Sprache der Biochemie und die therapeutische Wirkung, die in ihr eingeschrieben ist. Die Rezipierenden erkennen sich als Mitwirkende der Heilbedingung. Durch den eigenen Körper, durch das In-Beziehung-Treten, treten sie in eine Beziehung zum eigenen Stoffwechsel und zu allem Lebendigen.

Hin zu pluriversalen Zukünften des Heilens

Letztlich geht es Val Mucilaginosa weniger darum, Fragen zu beantworten, als vielmehr darum, sie neu zu stellen. Was gilt als Evidenz? Wer darf Wirksamkeit definieren? Wie können unterschiedliche Wissenssysteme nebeneinander bestehen, ohne einander auszulöschen? Die Installation legt nahe, dass die Zukunft des Heilens nicht in vereinheitlichenden Modellen liegt, sondern in der Schaffung von Räumen, in denen unterschiedliche Epistemologien miteinander in Dialog bleiben können.

Wissen wird dabei nicht als statisches Objekt verstanden, sondern als lebendiger Prozess – ein Prozess, der sich durch Beziehungen, Praktiken und geteilte Aufmerksamkeit entfaltet. In diesem Sinne ist die Installation nicht nur eine Darstellung von Forschung, sondern deren Erweiterung: ein Raum, in dem Wissen durch Erfahrung entsteht.

Text von Manuela Dahinden und Isabell Bullerschen

Isabell Bullerschen studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin sowie Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste. In ihrer Arbeit untersucht sie die Konstruktion und Vermischung von Realitäten durch das, was sie „slimy thinking“ nennt. Ausgehend von sinnlichen und rationalen Wissenssystemen erforscht sie, wie Informationen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Bereichen erzeugt und übertragen werden. In Installationen und Videoarbeiten beschäftigt sie sich mit den Möglichkeiten, die in Unsicherheit und Ambivalenz liegen, und nutzt dabei oft einen sorgfältigen, detailreichen Ansatz, um festgefügte Vorstellungen über unseren Platz in der Welt infrage zu stellen. Schleim und Ambiguitätstoleranz werden dabei zu Werkzeugen, um mit der zunehmenden Komplexität des Alltags umzugehen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im HEK (House of Electronic Arts) Basel, im Aargauer Kunsthaus Aarau, in der Kunsthalle Zürich sowie im Three Shadows Art Center in Xiamen, China, gezeigt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Förderungen, darunter den Pax Art Award der Swiss Pax Art Foundation.

IMPRESSUM

Künstlerin: Isabell Bullerschen
Experience Design: Chris Elvis Leisi
3D-Design: Florian Baumann
Komposition/Sound Design: Magda Drozd
Voice Over/Gesang: Hannah Mehler
Scent: Andreas Wilhelm
3D-Drucke: Benjamin Creek
Glasarbeiten: Glas Keller Basel, Neonatelier Bern
Künstlerische Assistenz: Jordis Fellfrau

Das Projekt entstand in engem Austausch mit Heilpraktiker:innen und Wissenschaftler:innen: Dr. Manuela Dahinden (Plant Science Center), Dr. Maja Dal Cero (Universität Zürich), Elsbeth Frei, Prof. Jürg Gertsch (Universität Bern), Dr. Andreas Lardos (ZHAW), Dr. med. Maja Oberholzer von Tolnai, Eidg. dipl. Apothekerin Nelly Richina (Berg-Apotheke), Dr. med. Dorin Ritzmann, PD Dr. Caroline Weckerle (Universität Zürich).

Wir hatten zudem die Ehre, mit 3D-Daten des CellarchLab am Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten. Ein besonderer Dank gilt Prof. Ben Engel, Dr. Ricardo Diogo Righetto, Dr. Annemarie Perez Boerema und Dr. Wojciech Wietrzysnki.

Kurator:innen: Martina Huber, We Are AIA; Dr. Manuela Dahinden und PD Dr. Caroline Weckerle, Botanischer Garten der Universität Zürich
Auftraggeber:innen: We Are AIA für ihr Projekt “Botanical Memories – On Healing and Care” und Botanischer Garten der Universität Zürich für “Pflanzen als Medizin – Vielfalt in der Schweiz”.
Co-Creation: Immersive Art Space, ZHdK
Gefördert durch: Vontobel Stiftung, Swiss Arts Council Pro Helvetia, Kanton Zürich Fachstelle Kultur, Stiftung Erna und Curt Burgauer