Natur?
Die tiefgreifenden Fragen zur Beziehung «Mensch – Natur» bewegt nicht nur Philosoph:innen, Ethiker:innen oder Theolog:innen seit Jahrhunderten, sondern findet auch in der Therapie-Landschaft mit den Fragen nach Gesundheit für Mensch, Tier und Pflanze, nach one-health, nach Nachhaltigkeit und Zukunft für «unseren Planeten» eine starke Resonanz. So wechseln sich Vorstellungen und Auseindersetzung zwischen einer getrennten Wahrnehmung von «Mensch und Natur» mit frischen Ansätzen, die dem Bewusstsein Rechnung tragen, dass wir als Menschen eingebettet sind in das Naturgeschehen – als biologische Lebewesen ebenfalls Teil des Ökosystems sind.
Diese Fragen nach dem Getrennt- oder Eingebettet-Sein wird in auch in den Werken antiker Naturgelehrter, Mittelalterlicher Klostermedizin oder zeitgenössicher Philosophie und Ökologie dargelegt und verhandelt, deshalb werden hier drei Begriffe als Anregung zur Vertiefung vorgestellt werden, abgerundet mit einer Literatur-Liste.
Biophilie
Biophilie wird als Begriff vom Soziologen und Psychoanalytiker Erich Fromm als «leidenschaftliche Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen» (in The Heart of Man: Its Genius for Good and Evil, 1964) eingeführt. Der Soziobiologie Edward O. Wilson entwickelte 1984 mit der Biophilie-Hypothese eine phylogenetische Perspektive auf die Liebe zum Leben. Eine aktuelle Auseinandersetzung mit den zwei unterschiedlichen Herangehensweisen ist zu finden z.B. in Barbiero G, Berto R (2021), Biophilia as Evolutionary Adaptation: An Onto- and Phylogenetic Framework or Biophilic Design. Frontiers in Psycology, doi: 10.3389/fpsyg.2021.700709.
Phytophilie
Aus dem Griechischen für Vorliebe für Pflanzen. Auf der Suche nach Referenzen zu diesem Stichwort im Netz erscheint unter anderem eine Diplomarbeit der Universität Wien zum Titel Phytophilie: Evolutionär bedingte Auswirkungen von natürlichen und künstlichen Grünpflanzen am Arbeitsplat auf die menschliche kognitive Leistung, Stimmung, Raumwahrnehmung und das Stresshormon Cortisol. Vorgelegt von Marlene Mann, 2010. https:/ /othes.univie.ac.at/ 11899/. Einen schönen Einblick zum gegenwärtigen Forschungsstand gibt auch: Willis K. (2025): Die Superkraft der Pflanzen; Wie die Natur unsere Gesundheit verbessert. Berlin. «Floraphilia - Ober die Verflechtungen von Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus» ist der Titel einer Ausstellung, die 2018/2019 in Köln, im Botanischen Garten Wuppertal, in Krakau und im Botanischen Garten Berlin gezeigt wurde. https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/ de/ projekte/bild und_ raum/ detail/floraphilia.html.
Biophilie, die Liebe zum Lebendigen oder präziser, Phytophilie und Floraphilie die Liebe zu den Pflanzen, geht gar nicht so selten einher mit der Bibliophilie, der Liebe zu den Büchern. Beide sind gute Gründe, um immer wieder in historischen Kräuterbüchern zu lesen und stöbern: Bei jeder Lektüre gibt es Neues zu entdecken und Wissenslücken zu füllen. Bisher noch nicht beachtete Zusammenhänge, überlesene Sentenzen, andere Lesarten stellen immer wieder andere Beziehungen zur Gegenwart her. So war der Römer Plinius wohl einer der ersten Naturschützer, wenn er einen sorgsamen Umgang mit Natur, natürlichen Ressourcen forderte. Unter wechselnden Gesichtspunkten wird die Antike plötzlich modern, der wissenschaftliche Blick exklusiv und eng. Die Bibliothek und der Garten bilden im Verbund ein Archiv für Gesundheitswissen, das durch die Zeit, in der Zeit und mit der Zeit wächst.
Lesenswert zum Thema Bibliophilie:
Hagner, Michael (2019). Die Lust am Buch, Berlin. Hawthorne, Susan (2017). Bibliodiversitiit. Manifest für unabhängiges Publizieren; Berlin.
Und wer seine Lektüre durch sinnliche Erfahrungen anreichern möchte, besucht (Heilpflanzen-)Gärten im Wissen, eine mehrdimensionale Darstellung von medizinischem Wissen zu betreten.
Quelle: Text in Anlehnung an Dal Cero M. (2021): Von der «nahrhaften Landschaft» zum «Gart der Gesundheit». Zur Überlieferung und Vernetzung des Heilpflanzenwissens. Topiaria, vdf, Zürich.
Eine Auswahl an anregender Lektüre zur Pflanzenwelt und . . .
. . . Aspekten der Kulturgeschichte
- Bynum H&W, 2014. Pflanze und Kultur; eine illustrierte Weltgeschichte der Botanik. Fröhlich & Kaufmann.
- Göttert KH, 2019. Als die Natur noch sprach; Mensch, Tier und Pflanze vor der Moderne. Reclam.
- Pavord, A, 2010. Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen; eine Kulturgeschichte der Botanik. Berlin Verlag.
- Giesecke A, Mabberrley DJ, (Eds), 2022. A cultural history pf plants; vol 1-6. Bloomsbury academic, London.
- Bühler B, Rieger S, 2014. Das Wuchern der Pflanzen; ein Florilegium des Wissens. 3. Aufl. Edition Suhrkamp.
- Topiara Helvetica. «Esset Bibernell, dann sterbt ihr nid so schnell.» Garten und Gesundheit. Vdf
. . . einem philosophischen Blickwinkel
- Coccia E, 2018. Die Wurzeln der Welt; eine Philosophie der Pflanzen. Carl Hanser Verlag, München.
- Böhme G, 2019. Leib. Die Natur, die wir selber sind. Suhrkamp Wissenschaft
- Foucault M, 2020. Die Ordnung der Dinge. 26. Auflage, Suhrkamp Wissenschaft.
. . . einem ökologische Blickwinkel
- Kimmerer RW, 2021. Geflochtenes Süssgras. Die Weisheit der Pflanzen. Aufbau, Berlin.
- Kimmerer RW, 2022. Das Sammeln von Moos; Eine Geschichte von Natur und Kultur. Matthes und Seitz Berlin.
- Koechlin F, Battaglia D, 2012. Mozart und die List der Hirse. Lenos.
- Loewenhaupt Tsing A, 2021. Der Pilz am Ende der Welt. 5. Auflage, Matthes und Seitz Berlin.
- Mancuso S, Viola A, 2015. Die Intelligenz der Pflanzen. Kunstmann.