Respiratory Encounters
Respiratory Encounters lässt die unsichtbare Beziehung zwischen Atem und Wasserpflanzen erlebbar werden. Ein Glaskörper verbindet die Besucher:innen mit Algen und Mikroorganismen. Photosynthese wird als lebensspendender Kreislauf erfahrbar, während bewusstes Atmen vor der Skulptur einen Moment der Entschleunigung schafft. Sensoren erfassen und übersetzen diese Prozesse. Die Installation erinnert daran, dass unscheinbare Organismen den Grossteil unseres Sauerstoffs erzeugen, und lädt dazu ein, Gewässer als fragile, gemeinsame Atemräume zu schützen.
Die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, wird von Algen und mikroskopischem Phytoplankton erzeugt. Von Lebensformen, die wir weder sehen, noch fühlen oder ansprechen können und die dennoch eine Grundbedingung für unser Leben bilden. Der Ethnobotaniker Enrique Salmón gehört dem Volk der Rarámuri an, einem indigenen Volk der Sierra Madre Occidental in Mexiko. Er beschreibt mit dem Begriff iwígara einen gemeinsamen Atem, der Menschen, Pflanzen, Land und Himmel verbindet. Er beschreibt dies nicht als Metapher, sondern als Kreislauf, der uns bereits enthält, bevor wir ihn benennen können. Zu atmen bedeutet in diesem Sinne, an einem Prozess teilzunehmen, aus dem man nicht heraustreten kann und der damit eine Verantwortung schafft. Die Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway beschreibt solche Verbindungen als Entanglements oder Verflechtungen. Sie beruhen nicht auf Gegenseitigkeit, sondern auf Koexistenz unter ungleichen Bedingungen. Wir sind mit diesen Organismen verflochten, ohne dass sie uns als Gegenüber begreifen.
Respiratory Encounters macht diese Abhängigkeit spürbar. Im Mittelpunkt steht ein skulpturaler Glaskörper aus Duranglas, ein Material entwickelt für wissenschaftliche Präzision, der hier als organischer Körper ein Gegenüber wird. Das Wasser in ihm, erhöht über den Wasserspiegel des Teichs, ist Habitat für Wesen, die genau diese Photosynthese betreiben. Sensoren messen CO₂, Sauerstoff, pH-Wert und Temperatur in Echtzeit und übersetzen diese Werte in eine digitale Schnittstelle, die das Geschehen im Inneren des Glases nach aussen trägt und lesbar macht. Diese zeigt in zwei Ansichten organische Formen, deren Bewegungen sich mit dem Zustand im Glas verändern mit der metabolischen Aktivität der Mikroorganismen, ihrem Gleichgewicht, ihren Schwankungen. Gefolgt wird dieser Zustand von einer Atemübung, nicht als Anweisung, sondern als Einladung, sich einem Rhythmus anzupassen, den der Körper nicht vollständig lesen kann. Per Klick lässt sich die Perspektive wechseln: dieselbe Netzwerkvisualisierung erscheint nun neben den vier Messwerten als technische Lesbarkeit des Systems, ergänzt durch eine Erklärung, was diese Werte bedeuten. Was mit der Installation klar wird: es besteht keine stabile Harmonie, sondern ein Zyklus, abhängig von anderen atmenden Wesen in und um das Habitat.
Im Kontext der Ausstellung über Heilpflanzen und Pflanzenwissen verschiebt Respiratory Encounters den Fokus: weg von der Pflanze als Substanz, weg von Heilung als Wirkung. Was heilt, ist hier nicht ein Extrakt, sondern eine Atmosphäre, ein Netzwerk von Prozessen, das weiterläuft, ob wir es wahrnehmen oder nicht. Diese Form der Verantwortung lädt dazu ein, Algen und Phytoplankton als oft übersehene Mitgestalter:innen des Lebens wahrzunehmen und Gewässer als fragile, lebensnotwendige Atemräume zu schützen.
Text von Anthea Oestreicher
Link zum Webinterface: http://respiratoryencounters.antheaoestreicher.com/
Anthea Oestreicher (geb. 1991, Karlsruhe) ist künstlerische Forscherin und Doktorandin an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre transdisziplinäre Praxis untersucht die Verflechtungen zwischen technischen Systemen und lebendigen Organismen an der Schnittstelle von Kunst, Design, Natur-und Geisteswissenschaften. Im Fokus stehen planktonische Lebensformen sowie mehr-als-menschliche Beziehungen, die sie mithilfe gestalterischer und ökologischer Methoden erfahrbar macht. In Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen wie dem Institut für Bioengineering am KIT in Karlsruhe und dem Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität in Oldenburg sowie durch Feldforschung an Bord des Forschungsschiffs Meteor zeigt ihre Arbeit, wie künstlerische und gestalterische Praktiken komplexe ökologische Zusammenhänge sichtbar machen und kritisch intervenieren können.
IMPRESSUM
Künstlerische Forscherin: Anthea Oestreicher
Webinterface: Pascal Meyer
Kurator:innen: Martina Huber, We Are AIA; Dr. Manuela Dahinden und PD Dr. Caroline Weckerle, Botanischer Garten der Universität Zürich
Auftraggeber: We Are AIA und Botanischer Garten der Universität Zürich
Mit Dank an die Glasbläserei der Universität Zürich sowie an Prof. Dr. Alexander Damm (Universität Zürich) und PD Dr. Peter Szövényi (Universität Zürich) und dem Forschungsprojekt Interfacing the Ocean, ZHdK.
Gefördert durch: Ernst Göhner Stiftung