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Schamanische Sicht auf die Natur

Ein Text von Roman Steiner, praktizierender Schamane und Mitglieder der Foundation for Shamanic Studies Europe und von Schamanismus Schweiz. 

«Die Sicht der Foundation for Shamanic Studies und der damit verbundene Core-Schamanismus geht auf die Forschungen und Erkenntnisse des amerikanischen Kulturanthropologen Michael Harner zurück. Michael Harner und andere mit ihm in Kontakt stehende Wissenschaftler forschten ab den 1950er- und 1960er-Jahren an diversen Orten und in verschiedenen schamanischen Kulturen. Daraus entstand in jahrelanger Arbeit ein transkultureller Blick auf einen in allen schamanischen Disziplinen innewohnenden Kern (Core) oder eine Essenz von Weltverständnis, Zugang, Methodik, Erfahrung und Kraft. Dies ermöglicht und ermöglichte nicht-schamanischen Kulturen einen Zugang oder ein „Wieder-Erinnern“ an diese Wirkkraft, Erfahrung und das Wissen dieser alten Kulturen.

Als Dozent und Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies Europe beleuchte ich die Sichtweise zur Natur aus dieser Haltung des transkulturellen Kerns – unabhängig von Tradition und spezifischen Ethnien.

Die Natur und all ihre innewohnenden Wesen sind belebt, lebendig und dem Menschen gleichwertig. Schamanische Traditionen sehen in Pflanzen, Bäumen und Steinen Verwandte, Unterstützer und Begleiter. Unterschiedliche hilfreiche oder herausfordernde Kräfte gehören zu diesen Wesenheiten innerhalb der Natur. Als Wesenheiten besitzen sie eine Seele, ein ihnen innewohnendes individuelles Kraftpotenzial, das sie zu den materiellen Erscheinungsformen werden lässt, in denen sie für uns erkennbar sind oder werden. Ein Unterschied wird in Bezug auf Funktion, Aussehen und Kraft erlebt, jedoch nicht im Sinne einer kausalen Hierarchie der Wertung oder Macht. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass Angehörige dieser noch lebenden Kulturen nicht verstehen können, wie der „westlich-industrialisierte“ Mensch mit Vertreterinnen und Vertretern der Natur umgeht. Wenn Pflanzen – und im weitesten Sinne alles in der Natur – als Brüder und Schwestern angesehen werden, ist es nur logisch, dass wir die Natur achten, ihr freundlich begegnen, sie wertschätzen und über die Schönheit und Kraft staunen, die uns umgibt. Dieser Blick und dieses Erleben sind ein fundamentaler Unterschied zu unserer gewohnten Norm und Sichtweise.

Pflanzen sowie alle Wesenheiten der Natur können kommunizieren, haben Gefühle und stehen uns zur Seite. Sie sind keine Gegenstände oder Dinge, die wir – auf unsere Bedürfnisse reduziert – selbstverständlich nutzen können. Handeln wir so, bringen wir das feine Netz unserer Welt aus dem Gleichgewicht und gefährden damit alle Wesenheiten der Natur.

Unabhängig vom geografischen und kulturellen Hintergrund der schamanischen Kulturen ist dies wohl der wesentliche Kern der Weltsicht, in der sich alle einig sind: Respekt, Dankbarkeit und Demut im Umgang mit allen Wesenheiten führen zu Gleichgewicht und einem gesunden Miteinander.

Betrachten wir die Natur aus diesem Blickwinkel, dann sind wir als Wesenheiten der Natur immer ein Teil von ihr – ein lebender Organismus, weder getrennt zu betrachten noch fähig, separatistisch zu überleben».

www.shamanism.eu